Die Walküre
Wenn man den Titel des Werkes beim Wort nimmt, so legt er den Schluss nahe, dass Wagner Wotans in freier Liebe gezeugte Tochter Brünnhilde als Hauptfigur der “Walküre” betrachtet. Neben acht weiteren Walküren sowie den Zwillingen Sieglinde und Siegmund ist Brünnhilde Ausdruck des göttlichen Ehebruchs Wotans, denn es liegt nahe, dass diese außerehelichen Kinder von mindestens drei verschiedenen, vermutlich sogar noch mehr Müttern stammen.
Dass Fricka, die zu allem Überfluss auch noch Hüterin der Ehe ist, auf die Affären Wotans mit scharfer Gereiztheit reagiert, ist durchaus nachvollziehbar. Schlimmer noch allerdings ist der Verstoß Wotans gegen dieses Bündnis, denn schließlich ist auch die Ehe nichts anderes als ein Vertrag, dem Wotan zuwiderhandelt. Und schon gerät seine Macht ins Wanken, die er doch Verträgen verdankt, die er selbst geschmiedet hat.
Was für ein Übergang, den Wagner mit der „Walküre“ beschreitet: Er führt ein in die tragische und von Verbrechen gezeichnete Menschenwelt, während er zuvor im „Rheingold“ noch eine märchenhafte, mythische Welt der Götter und Riesen und Zwerge hat aufleben lassen. Wotan ist dabei das Bindeglied, der zwar Gott genannt werden mag, der sich jedoch in seinem Streben und Verlangen als zutiefst menschlich zeigt, getrieben von seiner Sehnsucht nach Liebe einerseits und von seiner Machtgier andererseits. Beides zu vereinbaren ist sein Dilemma. Dieses Dilemma zeigt sich auch im Verhalten seinen Kindern gegenüber, die letztendlich Wotans höherem Plan gehorchen müssen: Seine Tochter Sieglinde lässt er einem Stamm von Waldbewohnern in die Hände fallen, der sie zu einem späteren Zeitpunkt wiederum dem Stammesführer Hunding zur Frau gibt. Ihren Zwillingsbruder Siegmund lehrt er die Kunst des Überlebenskampfes, bis er auch ihn seinem Schicksal überlässt, das ihn ausgerechnet zu seiner Zwillingsschwester Sieglinde führt. Beide erkennen nicht nur einander, sondern auch ihre tiefe Liebe zueinander, die über die reine Geschwisterliebe hinausgeht. Dadurch wird Fricka auf den Plan gerufen, die Wotan zur Lösung dieses Konfliktes in die Pflicht ruft: Seinen Sohn Siegmund habe er zu opfern. Und wen anderes als die Walküre Brünnhilde könnte Wotan diese Tat begehen lassen? Sie, die seine Lieblingstochter ist, verkörpert seinen wirklichen Willen, sein wahres Selbst, wie er glaubt. Doch er hat nicht damit gerechnet, dass sich Brünnhilde seinem Willen wiedersetzen würde – als sich Siegmund weigert, fügsam seinen Platz unter den Helden in Walhall einzunehmen und Sieglinde nie wieder zu sehen, sichert ihm Brünnhilde für den Kampf mit Hunding den Schutz ihres Schildes zu. Wotan bleibt daher nichts anderes übrig, als die eigentlich verhasste Tat selbst zu vollbringen und den eigenen Sohn zu töten.
Und nicht nur das: er muss überdies Brünnhilde, die zumindest noch Sieglinde und deren ungeborenes Kind retten konnte, für ihren Ungehorsam bestrafen. Denn indem sie sich für die Liebe entschieden hat, entzweite sie sich nicht nur mit dem Vater, sondern stellt in ihrer Emanzipation und rebellischen Kraft auch eine Gefahr für den gesetzgebenden Staat dar. Die grausame Strafe Wotans zeugt davon, dass ihm Brünnhilde das Herz gebrochen hat: Er versenkt sie in tiefen Schlaf und gebietet Loge, sie mit einem Feuerring zu umschließen. Er nimmt Abschied mit den Worten: „Denn nur einer freie die Braut, / der freier als ich, der Gott (…) Wer meines Speeres / Spitze fürchtet, / durchschreite das Feuer nie!“



