Die Götterdämmerung
In der „Götterdämmerung“ spitzt sich zu, was symptomatisch für die Siegfried-Figur ist, seitdem diese mit Hoffnungen beladene Lichtgestalt in die Welt geworfen wurde: In seiner kraftstrotzenden Unschuld wird Siegfried nicht von seinem eigenen Willen gelenkt, er ist vielmehr das willige Werkzeug anderer, die ihn zu vermeintlichen Heldentaten anstiften. Denn wieso hätte er überhaupt darauf aus sein sollen, Fafner in Gestalt des ungeheuerlichen Drachen zu besiegen, da ihn doch der von diesem bewachte Schatz nicht weiter interessiert?
Mime bzw. Alberich haben in diesem Falle die Fäden gezogen und so geht es weiter. Immer neue Heldentaten werden ihm eingeflüstert, da er von Wotan zum Erlöser der Welt ausersehen ist. Doch in der „Götterdämmerung“ zeigt sich, dass Siegfried nur das letzte und ebenfalls gescheiterte Projekt des Gottes ist. Gleich im Vorspiel drängt sich ohnehin die Frage auf, weshalb sich Siegfried getrieben fühlt, Brünnhilde nach der ersten Liebesnacht sofort wieder zu verlassen: „Zu neuen Taten, teurer Helde, wie liebt‘ ich dich – ließ ich dich nicht?“ formuliert Brünnhilde wehmütig das ungewisse Ziel des Geliebten, der wie ein „herkulisches Unschuldslamm“ (Friedrich Dieckmann) seiner heldischen Bestimmung folgt. In bestem Wissen und Gewissen, mit einem Treue- und Liebesschwur im Herzen verirrt sich Siegfried geradewegs in die Zivilisation und gerät in die Falle dessen, der ihn sogleich verführt, den Schwur zu brechen: „Der Gegenspieler Siegfrieds ist Hagen, eine Figur, die an düsterer Wucht alle früheren und zeitgenössischen Ausformungen, den Hagen des Nibelungenliedes wie den Hebbels, weit überragt. Wagners theatralisch-dichterische Gestaltungskraft triumphiert in der Figur des neiderzeugten Halb-Alben wie vielleicht nirgends sonst.“ Der von Thomas Mann in solch unheilvollen Farben beschrieben wird, ist Alberichs Sohn und von diesem „zu zähem Hass erzogen“, um mit Wagner zu sprechen. Um in den Besitz des Ringes zu gelangen und damit den Vater zu rächen, ersinnt Hagen eine heimtückische Intrige: Mit Siegfrieds Hilfe soll Brünnhilde mit Gunther vermählt werden, die den Ring als Liebespfand am Finger trägt. Ein Zaubertrank lässt Siegfried seine Liebe zu Brünnhilde vergessen und in Leidenschaft zu Gutrune entbrennen – und so bedeutet die Liebe, die Siegfried das Fürchten gelehrt hat, letzten Endes seinen Tod. Denn Brünnhilde, für die die Liebe zu Siegfried alles ist, muss mit ansehen, wie sich der Mann, der sie zu lieben behauptete, anschickt eine andere zu heiraten.
Soeben noch hat sie den Ring, der für sie zum Symbol für ihre Liebe wurde, ihrer Schwester Waltraute gegenüber glühend verteidigt: „Siegfrieds Liebe wahrt mir der Reif!“ Wie könnte sie daher Wotans Bitte nachkommen und den Rheintöchtern den Ring zurückgeben, um Walhalls Niedergang zu verhindern? Und wie hätte sie ahnen sollen, dass mit den Worten der Schwester „Der Welt Unheil haftet sicher an ihm“ auch ihr eigenes Unheil und das von Siegfried gemeint sein würde? Sie selbst besiegelt es hasserfüllt, indem sie Hagen verrät, wie Siegfried zu verwunden ist. Letzterer merkt von der Schlinge, die sich immer fester um seinen Hals zusammenzieht, nichts und geht schließlich in strahlendem Leichtsinn zugrunde. Zu spät durchschaut Brünnhilde Hagens List, spät genug folgt sie nun doch noch dem Rat der Schwester und gibt den Ring der Natur zurück, auf dass er von seinem Fluch befreit werde. Indem sie die alten Götter, deren Macht und Gesetze fehlschlugen, den Flammen preisgibt, erfüllt sie überdies den Willen Wotans, der schließlich den Weg von der Zerstörung zur Selbstzerstörung gehen musste.
Den ursprünglichen Gedanken Richard Wagners, der hinter diesem gewaltigen Totenopfer steht, hat er selbst in seinem berühmten Dresdner Flugblatt mit dem Titel „Die Revolution“ im Jahre 1848 formuliert: „Zerstören will ich die bestehende Ordnung der Dinge, welche die einige Menschheit in feindliche Völker, in Mächtige und Schwache, in Berechtigte und Rechtlose, in Reiche und Arme teilt, denn sie macht aus allen nur Unglückliche. Zerstören will ich die Ordnung der Dinge, die Millionen zu Sklaven von Wenigen und diese Wenigen zu Sklaven ihrer eigenen Macht, ihren eigenen Reichtums macht. Zerstören will ich diese Ordnung der Dinge, die den Genuss trennt von der Arbeit, die aus der Arbeit eine Last, aus dem Genuss ein Laster macht, die einen Menschen elend macht durch den Mangel und den anderen durch den Überfluss.” Allerdings wird von den Menschen, die die Katastrophe überleben, nicht viel mehr gesagt, als dass sie beim Anblick der im Feuer zu Grunde gehenden Trümmer ergriffen sind. Doch stellt Carl Dahlhaus nicht zu Unrecht die Frage: „Ist die Ergriffenheit angesichts des Untergangs einer alten Welt zugleich Bewusstsein des Aufgangs einer neuen?“



